Prof. Dr. Thomas Baier (Universität Würzburg) als Gastdozent am Alexandrinum

// Prof. Dr. Thomas Baier fesselt seine Zuhörer mit aktuellen Fragestellungen – Dezember 2016


Besuch im Schuljahr 2012.13

Der Lehrplan der 11. Jahrgangsstufe sieht für den Lateinunterricht die ausführliche Beschäftigung mit den philosophischen Strömungen der Antike vor. Dabei spannt sich der Bogen von den Vorsokratikern und ihrem Forschen nach den Ursprüngen der Welt über die sokratische Wende, seit der die Ethik und damit das moralisch richtige Handeln des Menschen im Zentrum des Interesses der Philosophen steht, bis zur Übertragung von epikureischem und stoischem Gedankengut, das seine Ursprünge in Griechenland hat, in die römische Gesellschaft.

Wie schon Seneca äußerte, darf es jedoch nicht um bloßes Auswendiglernen von Fakten, also um ein „Lernen für die Schule“, gehen, sondern das „Lernen für das Leben“ muss im Mittelpunkt stehen. Und so wird man bei genauerer Betrachtung schnell erkennen, dass das, was auf den ersten Blick theoretisch und vielleicht auch manchmal abgehoben klingt, tatsächlich den Kern der menschlichen Existenz, Fragen der Moral und der praktischen Lebensführung berührt.

Den Schülern sollte in diesem Zusammenhang klar werden, dass die Grundfragen des Menschen sich seit der Abfassung der lateinischen Texte vor ca. 2000 Jahren nicht verändert haben, so dass die antiken Ideen auch in unserer schnelllebigen Zeit z.T. noch unverändert aktuell sind und Orientierung bieten können. Der Lehrplan bezeichnet die antike Philosophie in diesem Zusammenhang als „Wegweiserin zur Lebensbewältigung in schwierigen Situationen“ und konstatiert: „Die verschiedenen Denkansätze antiker Philosophie regen die jungen Erwachsenen an, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken, und ermutigen sie, eigene Wege der Lebensgestaltung zu suchen und sich von vordergründigen Wertvorstellungen zu lösen“.

Genau das war das Ziel der Doppelstunde, die Prof. Dr. Thomas Baier, Lehrstuhlinhaber für Latinistik an der Universität Würzburg, in einem Lateinkurs der 11. Jahrgangsstufe hielt. Anhand von Senecas 16. Brief hinterfragte er den Sinn einer tieferen Beschäftigung mit der Philosophie – wie in der Neuen Presse geschrieben wurde – „nicht langweilig und trocken, sondern witzig, zum Nachdenken anregend.“ Dabei wurde klar, dass ein rein theoretisches Wissen um philosophische Inhalte, also ein „Lernen für die Schule“, für eine moralische Lebensführung eben nicht ausreicht, sondern dass eine Umsetzung in die Praxis, ein ständiges Einüben vonnöten ist, bis der Mensch wirklich gefestigt ist. Nach Seneca spielt auf diesem Weg der impetus, also der Wille bzw. die Motivation des Lernenden, eine besondere Rolle. Diese zu wecken, ist Aufgabe des Lehrers, der „die pädagogischen Postulate, nämlich Wiederholung, Anschaulichkeit, persönliches Ergriffensein“ beherzigen muss, wie Baier auch in seinem Aufsatz „Seneca als Erzieher“ darlegt.

„Seneca weiß“, so Baier weiter, „dass rationales Argumentieren nicht ausreicht“. So unterstreicht er in seinen Briefen immer wieder „seine eigene Betroffenheit durch eigene Erfahrung“, „gebärdet sich also nicht als unerreichbarer Präzeptor, sondern als Beispiel, mit dem man sich identifizieren kann“. Das Lehren und Lernen philosophischer Vorstellungen ist somit keine trockene, lebensfremde und verstaubte Theorie, sondern sollte einen wesentlichen Beitrag zur Orientierung und Persönlichkeitsentwicklung leisten.

Im Anschluss an die Besprechung des Seneca-Briefes hatten die Schüler die Möglichkeit, sich über Studienwege, Abschlüsse und Regelungen an den Universitäten zu informieren. Am Abend klang die Veranstaltung mit einem öffentlichen Vortrag von Prof. Dr. Thomas Baier zum Thema „Seneca und die Versöhnung von Philosophie und Rhetorik“ in der Aula des Alexandrinums aus. Hier verdeutlichte Prof. Dr. Thomas Baier, dass Seneca – wie vor ihm bereits Cicero – im Sinne einer Universalbildung bestrebt war, die Rhetorik nicht als eigene Disziplin von der Ethik zu trennen, sondern beide zu vereinen: Ein Politiker muss rhetorische Fähigkeiten besitzen, um Menschen von sich zu überzeugen, sollte aber zugleich moralisch integer sein, um der Führung des Staates gerecht werden zu können. Erst dann kann man im Sinne Ciceros von einem orator perfectus, einem perfekten Redner bzw. einem umfassend gebildeten, politisch aktiven Menschen sprechen. Die erreichten Tugenden stehen bei Cicero im Dienst des Staates, bei Seneca dagegen profitiert das Individuum selbst von den erlangten Fähigkeiten.