Theorie der Unbildung, Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung, Bildung als Provokation – der Autor der vorgenannten Bücher, man ist geneigt, sie als Bestseller zu bezeichnen, ist kein Geringerer als der Wiener Universitätsprofessor Dr. Konrad Paul Liessmann. Der weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannte Philosoph, Essayist und Kulturkritiker gilt als einer der führenden Intellektuellen Österreichs, der sich über den engeren Kreis seiner universitären Herkunft hinaus vor allem mit seinen lesenswerten Büchern zu Fragen der Bildung einen Namen machte.

In seinem öffentlichen Vortrag vor Schülern und Eltern, Lehrkräften und Gästen des Alexandrinum widmete sich Konrad Paul Liessmann dem Thema „Das Gymnasium und die Zukunft der literarischen Bildung“. Auf sprachlich wie intellektuell höchstem Niveau entfaltete Liessmann einen bilderreichen Bogen von den Aufgaben des Gymnasiums hin zur Bedeutung der künstlerischen Bildung. Angereichert mit zahlreichen persönlichen Anekdoten und nicht ohne ironische Untertöne zeigte Liessmann nicht nur den immensen Stellenwert des Unnützen, vermeintlich Nutzlosen auf, das so selten als Bereicherung begriffen wird, sondern entlarvte das hemmungslose Nützlichkeitsdenken als Gefahr für die Entfaltung der Kinder und Jugendlichen im Bildungswesen (und darüber hinaus). Dieses, so Liessmann, bedürfe einer dringenden Korrektur. Ausgehend von den Erfahrungen mit der sog. Kompetenzorientierung in seinem Heimatland warnte Liessmann davor, sich dem Glauben hinzugeben, dass ein fundiertes Allgemeinwissen in Zeiten der so euphorisch wie leichtsinnig beurteilten Digitalisierung verzichtbar sei. Dass sich dieser Irrtum in weiten (pseudo)akademischen Kreisen zunehmend durchsetze, dass Wissen einer wie auch immer verstandenen Kompetenz untergeordnet werden könne und dieses damit gleichgültig, ja belanglos sei, diesem Wesenszug der modernen Didaktik trat Liessmann mit einer beeindruckenden Verve entgegen, die keinen Zweifel daran aufkommen ließ, wie ernst es der Referent mit seinen Worten meinte.

Bemerkenswert wie erinnerungswürdig wird der Vortrag vor allem deshalb bleiben, weil Liessmanns Standpunkt quer zur vorherrschenden Meinung innerhalb der auf die Kompetenzorientierung als Allheilmittel fixierten Pädagogen- und Didaktikerzunft liegt. Wer wie Liessmann fragt, denkt, argumentiert, erklärt, der macht sich selbst einen Bildungsbegriff zu eigen, der in der Gegenwart bedauerlicherweise tatsächlich als „Provokation“verstanden werden dürfte. Wer – horribile dictu – den Lehrkräften empfiehlt, den Lehrplan besser nicht zur Kenntnis zu nehmen, irritiert, provoziert, mischt sich ein, macht sich verdächtig. Wer dazu auffordert, literarische Bildung wertzuschätzen, scheint (bedauerlicherweise) aus der Zeit gefallen.

Für das Gelingen der Veranstaltung dankt die Schulfamilie des Alexandrinum der freundlichen Unterstützung der Sparkasse Coburg – Lichtenfels, dem Elternbeirat und vor allem dem Schulleiter, Herrn Oberstudiendirektor Herbert Brunner.


// Coburger Tageblatt (online) – 21. November 2018