Wie möchten Menschen mit Behinderung selbst bezeichnet werden? Wer legt eigentlich fest, ob jemand „behindert“ ist? Und wie inklusiv ist die Stadt Coburg wirklich? Mit diesen und weiteren Fragen setzten sich die 9. Klassen des sozialwissenschaftlichen Zweigs am 11. Dezember 2025 im Gespräch mit Jessica Augstein und Frank Ulrich auseinander. Beide arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung und berichteten gemeinsam mit Tizian Späth und Sebastian Deringer von der Offenen Behindertenarbeit Coburg aus ihrem Alltag. In zwei Unterrichtsstunden erhielten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, aus erster Hand Einblicke in Lebensrealitäten, Barrieren und Möglichkeiten gelingender Teilhabe zu gewinnen.
„Nicht über uns, ohne uns“
Ein zentrales Thema der Diskussion war die Sprache im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Jessica, die im Rollstuhl sitzt, und Frank, der eine Lernbehinderung hat, bevorzugen es, von einer „Einschränkung“ zu sprechen und sich selbst als „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ zu bezeichnen. Deutlich wurde dabei, dass eine Einschränkung nicht zwangsläufig bedeutet, auf Reisen, Konzerte oder Freizeitaktivitäten verzichten zu müssen – auch wenn diese oft eine sorgfältigere Planung erfordern. Vielfalt sei normal, betonten beide, und wünschten sich deshalb vor allem eines: eine selbstverständliche, respektvolle Begegnung auf Augenhöhe. Humor könne dabei, so Jessica und Frank, häufig Brücken bauen.
„Man ist nicht behindert, man wird behindert“
Doch wer bestimmt eigentlich, was eine Behinderung ist? Im Gespräch wurden unterschiedliche Perspektiven beleuchtet – von medizinischen Diagnosen über die Selbstwahrnehmung der Betroffenen bis hin zu gesellschaftlichen Zuschreibungen. Anhand konkreter Beispiele wurde deutlich, wie komplex diese Frage im Alltag ist: Von der Anerkennung von Pflegegraden über Erfahrungen sozialer Ausgrenzung bis hin zu strukturellen Hürden. Die Gäste erläuterten, dass Exklusion lange Zeit gesellschaftliche Realität war, während heute zunehmend um echte Inklusion gerungen wird. Zwar wurde Coburg als „Inklusionsstadt“ und das Gymnasium Alexandrinum mit seinem Fahrstuhl als positives Beispiel hervorgehoben, zugleich machten Jessica und Frank deutlich, dass solche Fortschritte die alltäglichen Herausforderungen noch nicht aufheben. Behördliche Hürden, fehlende Unterstützung, Ausgrenzung und Beleidigungen sind weiterhin Teil ihres Lebens und führen nicht selten zu Frustration.
Am Ende der Begegnung stand eine zentrale Erkenntnis: Jeder Mensch kann durch Krankheit oder einen Unfall plötzlich selbst auf Unterstützung angewiesen sein – Inklusion betrifft daher uns alle. Verschieden zu sein ist normal, entscheidend ist jedoch, wie wir als Gesellschaft mit dieser Vielfalt umgehen. Dabei gilt: Nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, sondern gemeinsam Wege gestalten.




